Orta San Giulio am Lago d‘Orta: Plötzlich im Paradies

Typisch in Orta San Giulio: Enge Gassen führen zum Ortskern.

Du willst Italien in Perfektion? Diese typischen engen Gassen, Kirchen, die von außen schlicht aussehen, in denen du aber innen vor Staunen über die filigranen Wand- und Deckenbemalungen den Mund kaum noch zu bekommst. Und viele kleine Restaurants, in denen jeder Küchenchef ein wahrer Zauberer am Herd ist. Das alles bekommst du in Orta San Giulio, einem wunderschönen Städtchen mit knapp 1200 Einwohnern am Lago d‘Orta – ein Bericht über einen Zufallsfund.

Hast du das auch schon festgestellt? Irgendwie scheinen Reisende immer auf der Suche zu sein. Sie suchen Orte, an denen sie entspannen können. Orte, die nicht überlaufen sind. Orte, an denen sie aber dennoch viel erleben können. Ich war zwar gar nicht auf der Suche nach einem dieser Orte, habe mit Orta San Giulio aber eines dieser perfekten Urlaubsziele gefunden. Aber am besten von Anfang an …

Es ist ein durchwachsener Dienstag im Juni 2016. Warm, aber nicht zu heiß. Hin und wieder regnet es. Einen Abend zuvor war ich in Stresa am Lago Maggiore angekommen. Da ich die Region schon sehr gut kenne, hatte ich Lust auf etwas Neues. Wie passend, dass der Lago d‘Orta nur wenige Kilometer vom Lago Maggiore entfernt liegt. Von Stresa aus brauche ich gerade einmal eine halbe Stunde bis nach Orta San Giulio.

Orta San Giulio: Autofreie Innenstadt

Blickfang am Ortseingang: Die Villa Crespi ist ein beliebtes Hotel in Orta San Giulio.

Mein Auto muss ich auf einem der Plätze am Ortseingang abstellen, denn die Innenstadt von Orta San Giulio ist autofrei, was sich im Laufe des Tages als sehr angenehm entpuppt. Kurz nachdem ich mein Auto abgeschlossen habe, stutze ich. Denn ich erblicke ein Gebäude, das scheinbar gar nicht dorthin gehört. Später erfahre ich, dass das sehenswerte Haus mit dem orientalischen Baustil die Villa Crespi ist. Sie wurde 1879 erbaut und war zunächst der Wohnsitz eines reichen Baumwollindustriellen namens Cristoforo Benigno Crespi. Heute befinden sich in dem Gebäude ein Vier-Sterne-Hotel und ein Restaurant.

Den Weg zum See musst du nicht suchen. Direkt an den Parkplätzen sind Schilder, die ihn dir zeigen. Ich schlendere die leicht abschüssige Via Giuseppe Fava hinunter und erreiche schon nach wenigen Minuten das Seeufer. Von dort brauche ich vielleicht zehn Minuten – vorbei an zahlreichen Villen, Palmen und herrlich duftenden Blumen – bis ins Ortszentrum, der Piazza Mario Motta.

Orta San Giulio: Im Zentrum auf der Piazza Mario Motta

Hier tobt das Leben: Auf der Piazza Mario Motta gibt’s viel zu sehen.

Auf dem Hauptplatz des Ortes spielt das Leben. Ich tauche ein in diese entschleunigte Welt. Zwischen zahlreichen malerischen Häusern entdecke ich einen Postboten. Er ist einer der wenigen Menschen, die doch mit dem Auto ins Zentrum dürfen und damit bahnt er sich seinen Weg durch die engen Gassen. In einem der vielen Cafés sitzen drei ältere Männer, spielen Karten, unterhalten sich wild gestikulierend, lachen. Am Seeufer warten die Kapitäne der privaten Fährdienste auf Gäste, um sie zur nahegelegenen Isola San Giulio zu fahren. Vor einem Eiscafé liegt mitten im Eingang ein Beagle und schnarcht. Doch mein Blick bleibt zunächst an etwas anderem hängen.

Ehemaliges Rathaus: Der Palazzotto della Comunitá ist eine Schönheit.

Am anderen Ende des Platzes entdecke ich ein Haus, das ich zunächst für eine Kirche halte, zumal es einen kleinen Glockenturm besitzt. In Wirklichkeit stehe ich vor dem ehemaligen Rathaus, das 1582 erbaut wurde. Es ist der Palazzotto della Comunitá, der von den Einheimischen auch Broletto genannt wird. Hin und wieder (meist in den Sommermonaten) gibt’s dort im ersten Stock Ausstellungen und einen wunderschönen Ausblick auf die Piazza Mario Motta gratis dazu.

Orta San Giulio: Kirchenbesichtigungen und ein Einkaufsbummel

Ein Aufstieg, der lohnt: Die Chiesa Santa Maria Assunta ist sehenswert.

Die wenigen Touristen, die an diesem Dienstagvormittag ebenfalls den Weg nach Orta San Giulio gefunden haben, laufen alle rechts am Palazzotto vorbei und biegen erneut rechts in die Via Caire Albertoletti ein. Schon als ich um die Ecke schaue, weiß ich, warum. Am Ende der Straße sehe ich mit ihrer markanten gelb-weißen Außenfassade die Kirche Santa Maria Assunta. Nun bin ich eigentlich keine Person, die im Urlaub nur von Kirche zu Kirche zieht. In Italien ist das anders, denn die Kirchen sind meist von innen wunderschön. So auch die 1485 gebaute (und im 18. Jahrhunderte wieder errichtete) Chiesa di Santa Maria Assunta. Vor allem die Deckenbemalungen sind beeindruckend. Und das Beste: Nach dem etwas steilen Aufstieg wirst du mit einem herrlichen Blick auf Orta San Giulio und den See belohnt.

Beliebtes Fotomotiv: Der Blick von der Santa Maria Assunta auf den Ort.

Nach gefühlten 300 Fotos schlendere ich zurück zum Palazzotto della Comunitá und biege rechts in die Via Olina ein. Es ist die Haupteinkaufsstraße von Orta San Giulio. Die großen Bekleidungs- und Restaurant-Ketten, die du mittlerweile in jeder größeren Stadt dieser Welt findest, suchst du hier vergebens. Und das ist auch gut so! Orta San Giulio ist ein Ort mit Charakter und voll von kleinen inhabergeführten Läden und bezahlbaren Restaurants mit wunderschönen Terrassen und Innenhöfen. Da fällt die Auswahl nicht leicht.

Noch habe ich allerdings keinen Hunger. Ich bummle die Straße entlang, laufe vorbei an kleinen Souvenirgeschäften, Hotels, Alimentari und Boutiquen. Kurz hinter dem Rathaus entdecke ich wieder eine Kirche. Die kleine Chiesa di San Rocco steht der Santa Maria Assunta in Nichts nach. Wieder staune ich über die unfassbar tollen Decken- und Wandbemalungen und bin etwas traurig, dass es bei uns im Ruhrpott nicht so schöne Kirchen gibt.

Orta San Giulio: Mittagessen mit Seeblick und ein entspannter Vierbeiner

Mittagessen mit Ausblick: Zum Tiramisu gab es die freie Sicht auf die Isola San Giulio.

Raus aus der Kirche spaziere ich die Via Olina zurück Richtung Piazza Mario Motta und schaue mir auch einige der entzückenden kleinen Geschäfte von innen an. Nicht zum ersten Mal an diesem Tag bin ich positiv überrascht. Ich habe in den vergangenen Jahren einige Länder dieser Welt gesehen und bin recht streng, wenn es um Souvenirgeschäfte, die Qualität der Ware und Preise geht. In Orta San Giulio gibt es gleich mehrere Läden mit geschmackvoller Ware und ich habe tatsächlich ein paar Andenken für die Daheimgebliebenen finden können. Insbesondere schöne und günstige Schmuckstücke aus echtem Muranoglas kannst du hier kaufen.

Zurück auf der schönen Piazza Mario Motta, nutze ich die Gunst der Stunde und setze mich an den letzten freien Tisch direkt am Seeufer. Was für ein großartiger Ausblick! Hier könnte ich Stunden verbringen und die vielen kleinen Schiffe beobachten, die gleich neben dem Restaurant an- und ablegen. Auch das Mittagessen und vor allem der Nachtisch überzeugen mich. Der Ausflug in dieses charmante und vor allem nicht überlaufene Städtchen kann eigentlich nicht mehr besser werden. Und weil man immer gehen sollte, wenn es am schönsten ist, beschließe ich, zurück zum Auto zu gehen. Okay, ein wenig haben auch die Regenschauer, die nun immer mal wieder einsetzen, zu meiner Entscheidung beigetragen.

Gemütlicher Zeitgenosse: Paolo schläft am liebsten mitten im Eingang.

Auf dem Rückweg fällt mein Blick wieder auf den Beagle, der immer noch direkt vor dem Eingang einer Eisdiele liegt und döst. Plötzlich kommt ein Mann, ich schätze es ist der Besitzer der Gelateria, aus dem Haus gestürmt. „Mensch Paolo, was machst du denn schon wieder?“, fragt er und lacht. „Du musst doch unsere Gäste reinlassen!“ Paolo hebt kurz seinen Kopf, bleibt aber an Ort und Stelle. Also zieht der Mann die Matte, auf der Paolo liegt, samt Hund zur Seite und die Gäste können wieder rein und raus. Kaum ist der Mann verschwunden, trottet Paolo zu seinem Stammplatz zurück und schließt die Augen. Hin und wieder lässt er sich von den Menschen, die nun wieder über ihn hinübersteigen müssen, streicheln. Paolo ist so, wie ich Orta San Giulio erlebte: gemütlich, entspannt, freundlich.

Spätestens nach dieser Episode ist für mich klar: Ich komme wieder. Am liebsten an einem Mittwoch. Denn dann findet auf der Piazza Mario Motta der wöchentliche Markt statt, und zwar bereits seit 1228.

Und sonst: Was du in Orta San Giulio noch unternehmen kannst

Obwohl Orta San Giulio nicht groß ist, kannst du viel erleben. Gerne mache ich dir noch weitere Vorschläge.

  • Die Isola San Giulio ist nach einer kurzen Bootsfahrt erreichbar. Dort zieht es Touristen insbesondere zur Basilica di San Giulio. Beliebt ist auch der „Weg der Stille und der Meditation“. Er führt über die gesamte Insel und du solltest nicht reden, wenn du ihn läufst. Weitere Sehenswürdigkeiten auf der Insel sind der im 19. Jahrhundert erbaute Bischofspalast und die Benediktinerabtei Mater Ecclesiae.
  • Mit dem Sacro Monte d’Orta liegt etwas oberhalb der Gemeinde Orta San Giulio eine Wallfahrtsstätte. Er ist sogar ein Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Dort findest du die Chiesa San Nicolao Francesco und 20 Kapellen, die zu Ehren des Heiligen Franz von Assisi errichtet worden sind.
  • Wenn du Filme magst, solltest du unbedingt den Ortsteil Legro im Osten der Stadt besuchen. Denn auf den Fassaden einiger Häuser wurden Szenen aus Filmen verewigt, die am Lago d‘Orta spielen. Eine schöne Idee!

Und jetzt bist du dran: Warst du mal in Orta San Giulio? Wie hat es dir gefallen? Wenn du noch nicht dort warst: Würdest du gerne mal hin? Was würdest du am Lago d‘Orta gerne unternehmen?

2 Kommentare zu “Orta San Giulio am Lago d‘Orta: Plötzlich im Paradies

  1. Simone

    Liest sich so toll, dass ich umgehend hin will! Der Meditationsweg hört sich schön an, den würde ich gerne mal ausprobieren.
    Danke für die Inspiration!!
    Vg Simone

  2. Christine Autor des Beitrags

    Hallo Simone,

    danke für das Kompliment. Es ist der erste Beitrag, bei dem ich so detailliert einen Stadtrundgang beschreibe und ich war mir nicht sicher, ob das für den Leser nicht mit der Zeit langweilig wird (weil der Beitrag auch noch sehr lang ist).
    Den Meditationsweg würde ich auch gerne mal ausprobieren, aber ich habe etwas Sorge, dass ich meinen Mund nicht so lange halten kann. 😉

    Liebe Grüße und noch einen schönen Abend,
    Christine

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen