500 Jahre Reformation: Zu Besuch in der Lutherstadt Wittenberg

In der Schulzeit hatte ich nicht immer Glück mit meinen Lehrern. Nur in Religion hatte ich über die gesamte Schulzeit hinweg immer wirklich tolle Lehrer, die den Unterricht interessant gestalteten. So kam es sogar dazu, dass ich, eigentlich jemand, der nicht allzu oft in die Kirche geht, Religion als Abiturfach hatte. Prüfungsthema: Martin Luther. Als ich im März auf dem Rückweg aus Polen (fast) an Wittenberg vorbeikam, war klar, dass ich die Gelegenheit für einen Besuch nutzen musste. Allerdings machte ich mich auf das Schlimmste gefasst …

Vor zwei Jahren habe ich nämlich schon einmal eine Lutherstadt besucht. Auf dem Weg nach Leipzig machten meine Reisebegleiter und ich eine kurze Mittagspause in Eisleben, wo Luther geboren wurde und – wahrscheinlich aus Langeweile – starb. Gut, der November ist wahrscheinlich auch nicht die perfekte Reisezeit für Eisleben, dennoch waren wir erschrocken von dieser Geisterstadt, in der auch Einheimische kaum zu sehen waren. Drei Dinge sind mir von dem Besuch in Erinnerung geblieben: Erstens: Die Erkenntnis, das die Stadt in Eistod umbenannt werden müsste. Zweitens: Die Überzeugung, dass die 95 Thesen Luthers im heutigen Eisleben wahrscheinlich wochenlang niemand bemerken würde. Und drittens: Ganz umsonst war der Besuch nicht. In einer örtlichen Metzgerei konnte man wirklich vorzügliche Rouladen essen, dazu noch sehr preiswert.

Lutherstadt Wittenberg: Wo geht’s denn hier zur Schlosskirche?

Nun also Wittenberg und wieder irgendwie außerhalb der Saison, denn wir waren Mitte März dort, erwischten aber einen sonnigen Tag. Und siehe da: Alle Sorgen waren umsonst. Wittenberg präsentierte sich in einem völlig anderen Bild als Eisleben. Auf einem großen Parkplatz stellten wir unser Auto ab und wollten die kurze Pause für einen kleinen Mittagsimbiss und einen Besuch der Schlosskirche nutzen, wo Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür gehämmert haben soll. Wir steuerten die erste Kirche an, die wir in der Altstadt erblickten, doch das war gar nicht die Schlosskirche, sondern die – ebenfalls sehr sehenswerte – Stadtkirche. Sie gilt als Mutterkirche der Reformation, weil dort 1521 die erste evangelische Messe abgehalten worden ist.

Eine kleine Internetrecherche und einen kurzen Spaziergang später fanden wir DIE Kirche Wittenbergs aber schnell. Kleiner Tipp, damit du sie auf Anhieb erkennst: Die Schlosskirche heißt nicht umsonst so und hat einen schönen Kirchturm, der an die Schlosstürme aus den Märchen erinnert, wo die Prinzessinnen immer warten, bis sie gerettet werden statt sich selbst zu helfen.

Ein klein wenig enttäuscht war ich vor der Schlosskirche dann schon – zumindest zu Beginn. Du kommst nah dran an die historische Tür mit den 95 Thesen, aber auch nicht ganz nah dran (Wörter konnte ich mit meinen schlechten Augen auf der dunklen Tür leider kaum entziffern). Ein Zaun schützt die Tür und verhindert den direkten Zugang. Doch es ist ohnehin nicht die Original-Tür, an die Luther seine Thesen geschlagen haben soll. Diese wurde im 18. Jahrhundert nämlich bei einem Brand zerstört. Dennoch war die Tür stark von Touristen frequentiert und DAS Fotomotiv für jeden Wittenbergbesucher.

Lutherstadt Wittenberg: Das Grab von Martin Luther und die 95 Thesen zum Nachlesen

Meine erste Enttäuschung aufgrund des Zauns verflog aber, als ich die Kirche betrat. Evangelische Kirchen kannte ich bis dato immer nur sehr schlicht eingerichtet. Die Schlosskirche wurde allerdings anlässlich des anstehenden Reformationsjubiläums umfassend für 8,2 Millionen Euro saniert und hat mehrere Hingucker. Mir haben vor allem die vielen tollen Kirchenfenster gefallen. Dass ich sogar Luthers Grab gesehen habe, habe ich erst viel später wirklich realisiert, als ich meine Fotos durchgeschaut habe. Du findest es direkt unter der Kanzel.

Die Schlosskirche hat sogar noch ein zweites Stockwerk. Wenn du es erreichst, fallen dir sofort sämtliche 95 Thesen ins Auge, die auf vier großen weißen Tafeln an der Wand hängen. Hier kannst also noch einmal in Ruhe alle Ideen von Martin Luther nachlesen. Im zweiten Stock gibt’s außerdem noch eine Art Souvenirshop und Infos über die vielen Veranstaltungen die in oder rund um die Schlosskirche geplant sind.

Lutherstadt Wittenberg: Und sonst?

Was mir in Wittenberg direkt auffiel, waren die vielen Handwerker, die die Stadt bei unserem Besuch auf Vordermann brachten. Viele Wege wurden neu gepflastert, Graffitis überstrichen und Gärtner arbeiteten an jeder zweiter Ecke. Es war für mich fast unmöglich ein Foto zu machen, ohne gleichzeitig bei Veröffentlichung ungewollt Werbung für einen Handwerksbetrieb zu machen. Ob dieser Aufwand nun schon für die Feierlichkeiten zum Reformationsjubiläum betrieben wurde oder die Stadt immer so gepflegt ist, kann ich nicht beurteilen. Bei mir als Besucher hat dies jedenfalls einen sehr positiven Eindruck hinterlassen.

Generell hatte ich das Gefühl, dass die Stadt auf Touristen eingestellt ist. Gegenüber der Schlosskirche gibt es eine gut sortierte Touristeninfo mit netten Mitarbeitern und vielen kostenlosen Infos über die Stadt. Da kannst du auch Führungen auf Luthers Spuren buchen, wenn du mal länger in Wittenberg bist, was sich definitiv für kulturell interessierte Menschen lohnt, denn es gibt viele Museen in Wittenberg.

Aufgefallen sind mir außerdem die tolle Altstadt und die enorme Anzahl an urigen Restaurants. Insgesamt habe ich Wittenberg als nette, gepflegte Stadt mit toller Architektur kennengelernt. Ich könnte mir definitiv vorstellen auch mal mehr als nur eine Mittagspause dort zu verbringen, alleine schon, um das an die Schlosskirche grenzende Schloss, das Lutherhaus und die Hundertwasserschule genauer unter die Lupe zu nehmen.

Und nun bist du dran: Warst du mal in einer Lutherstadt? Welche war es und wie hat es dir gefallen?

4 Kommentare zu “500 Jahre Reformation: Zu Besuch in der Lutherstadt Wittenberg

  1. routinebruch

    Zwickau habe ich kürzlich besucht. Zwar keine Lutherstadt, aber Reformationsstadt. Thomas Müntzer hat hier auf Empfehlung Luthers gepredigt und auch Luther selbst war zu Reformationszeiten in Zwickau. Die Stadt hat mich mit ihren vielen mittelalterlichen Bauten ähnlich positiv überrascht, wie Wittenberg dich. 🙂

  2. Christine Autor des Beitrags

    Oh, in Zwickau war ich noch gar nicht. Hatte ich auch noch nie auf dem Zettel, aber das sollte sich anscheinend ändern, wenn ich das so lese. 😉

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