Eine Fahrt mit der Centovalli-Bahn: Von Domodossola nach Locarno

Es ist Juli und die Sonne verwöhnt die Region um den Lago Maggiore mit warmen Strahlen. Ich sitze in der berühmten Centovalli-Bahn und bin gespannt auf die wunderschöne Natur und die Aussicht auf Hundert Täler, die alle möglichen Reiselektüren als empfehlenswert beschreiben. Doch es kommt anders. Ich hatte nicht mit Manfred gerechnet.

„Die Ratten meiner Enkel schauen mich immer so komisch an.“ Manfred sitzt mir gegenüber und guckt mich wiederum etwas seltsam an. Anscheinend erwartet er eine Antwort. Manfred ist 76 Jahre alt. Woher ich das weiß? „Raten Sie mal, wie alt ich bin?“ war eine seiner ersten Fragen gewesen. Noch bevor ich eine schmeichelhafte Antwort von mir geben konnte, löste er das Rätsel selber auf. Manfred, der aussieht wie Derrick, kommt außerdem aus Düsseldorf und fährt dort grundsätzlich nur mit dem Fahrrad in die Stadt.

Kurz nach der Abfahrt aus Domodossola begann Manfred zu reden. Der Aus-Knopf schien abgebrochen, seine Frau war anscheinend froh, dass er sich mal ein anderes Opfer suchte und ich hatte so eine Vorahnung: Das alles könnte noch sehr anstrengend werden. Hilfesuchend schaute ich mich im Zug um, konnte aber keinen freien Platz entdecken. Das konnte ja heiter werden.

Ratten mit Menschenkenntnis und seltsame Fotos

Als Manfred plötzlich sein Portemonnaie zückt, um mir ein Foto von – nein, nicht seinen Enkeln – seinem ersten Auto zu zeigen, bin ich mir sicher: Diese Ratten haben eine verdammt gute Menschenkenntnis. Wäre ich eine von ihnen, würde ich ihn ebenfalls komisch anschauen und wahrscheinlich mache ich es auch, als er mir das Foto des Autos unter die Nase hält. „Nun lass‘ die junge Dame doch mal in Ruhe“, mischt sich seine Frau schließlich ein. Und Manfred hält tatsächlich für einige Minuten den Mund.

Erstmals schaffe ich es nun, ein wenig die Landschaft zu betrachten, die sich mir präsentiert. Hin und wieder mache ich einige Fotos, was Manfred natürlich nicht unkommentiert lässt: „Oh ja, fotografieren Sie nur, das ist einmalig“, plappert er, als ich eine nette kleine Kirche in der Schweiz abzulichten versuche (die meisten Fotos wurden aufgrund der Spiegelung am Fenster leider nichts). Es folgen weitere sieben dieser „einmaligen“ Kirchen.

Die längsten 105 Minuten meines Lebens

Nach etwas mehr als der Hälfte der Reise entwickelt sich die Fahrt für mich zur Qual. Neben Manfred gibt es nämlich noch ein weiteres Problem. Ich sitze entgegen der Fahrtrichtung, was ich auf Kurzstrecken in Kauf nehme, aber über längere Zeit einfach nicht vertrage. Leider will auch niemand mit mir tauschen, sodass der Rest der kurvigen Reise ein Horrortrip zwischen Ohrenbluten und Magengrummeln ist. Was bin ich froh, als der Zug endlich in Locarno einfährt. Hinter mir liegen die längsten 105 Minuten meines Lebens.

Locarno selbst war „nett“, aber kein „Da muss ich unbedingt mal wieder hin“-Ort. Und wahrscheinlich wertete ich die Stadt noch positiver als sie eigentlich war, denn nach der Zugfahrt war ich einfach nur glücklich.

Fakten zur Centovalli-Bahn

Zugegeben, das war nun ein sehr persönlicher Einblick in meine Fahrt mit der Centovalli-Bahn. Sicher möchtest du noch ein paar Fakten, die ich dir gerne gebe. Die Centovalli-Bahn (cento = 100, valli = Täler) verkehrt seit 1923 zwischen Domodossola und Locarno. 19 Haltestellen und Stationen liegen in Italien, 14 in der Schweiz. Auf ihrem 51,25 Kilometer langen Weg passiert die Schmalspurbahn unzählige Tunnel und Viadukte. Es lohnt sich definitiv, diese Fahrt mal gemacht zu haben, wenn du am Lago Maggiore bist. Ich selbst werde diesen Zug so schnell allerdings nicht mehr betreten …

Lust bekommen? Hier gibt’s weitere Inspiration für Ausflüge am Lago Maggiore.

4 Kommentare zu “Eine Fahrt mit der Centovalli-Bahn: Von Domodossola nach Locarno

  1. DieReiseEule

    Als Außenstehende finde ich die Geschichte natürlich echt lustig. Aber ich kann mir bildlich vorstellen, welche Qualen du da durchgestanden hast.

    Sieh es positiv: langweilige Reiseberichte gibt es genug. Der hat Würze! 😀

    Es grüßt
    DieReiseEule

  2. Christine Autor des Beitrags

    Hallo Liane,

    vielen Dank für die Blumen.
    Mit etwas Abstand finde ich es auch eher witzig. Und selbst meine damalige Reisebegleitung hat sehr gelacht, als sie den Text las, obwohl auch sie damals Manfred unfassbar nervig fand.

    Liebe Grüße,
    Christine

  3. Alex

    Dein Artikel ist ja wirklich toll zu lesen. Amüsant und erfrischend! Für mich ein toller Einstieg in den Montag 🙂
    Aber die Erfahrung „Manfred“ war sicher auch nicht ohne. Zum Glück hast du die Reise gut überstanden 😉

    Lg, Alex

  4. Christine Autor des Beitrags

    Hallo Alex,

    Vielen Dank für deine Rückmeldung.
    Da freue ich mich aber, dass ich dir den Montag etwas versüßen konnte.

    Liebe Grüße,
    Christine

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