Mein erstes Mal in London: Am Anfang war Wembley

Rote leere Sitzreihen, ein Becher am Boden, Beton. Auf den ersten Blick scheint das Bild, das diesem Text ein Gesicht gibt, nicht besonders zu sein. Aber das ist es. Warum das Foto, das ich einst in London aufnahm, mir am Herzen liegt, möchte ich im folgenden Beitrag erzählen.

Zur Feier seines 100. Instagram-Uploads lädt Igor von 7kontinente.com zu seiner ersten Blogparade ein. Das Thema: Das Bild und die 1000 Worte. Klar doch, dass ich dabei bin. Doch gleich nach der Entscheidung zur Teilnahme begann ich zu grübeln. Welches Bild möchte ich vorstellen? Welches meiner vielen Fotos weckt tolle Erinnerungen? Nach langer Überlegung fiel die Wahl auf das Bild mit den roten Sitzreihen.

Zugegeben: Das ausgesuchte Foto ist auf den ersten Blick nicht besonders toll. Ganz im Gegenteil. Es ist noch nicht einmal scharf, weil ich es mit einer weniger guten Kamera aufgenommen habe. Und dennoch ist das Foto besonders für mich. Es entstand bei meinem ersten London-Besuch. Ich bereiste damals nur die britische Hauptstadt, weil ich unbedingt einmal ein Fußballspiel in England sehen wollte. Ja, richtig gelesen. Es war nicht die Queen, die mich nach London lockte oder die vielen Musicals, die man im West End besuchen kann. Big Ben, Tower Bridge, Abbey Road – alles nur nette Nebeneffekte, aber nicht DER Grund für mich, Richtung London ins Flugzeug zu steigen. Es war einfach nur Fußball.

Alternative zur Premier Legue: Die Nationalelf in Wembley

Karten für die Premier League konnte ich mir zum Zeitpunkt meines ersten London-Besuchs nicht leisten, weil ich gerade erst die ersten Schritte im Beruf getätigt hatte. Aber die Tickets für die Nationalelf waren erschwinglich. So fand ich mich vor einigen Jahren auf einer Tribüne im legendären Wembley-Stadion wieder und freute mich auf die Partie der Engländer gegen Fußballzwerg San Marino. Die Freude wurde größer als ich bemerkte, dass ich einen Platz in der Fankurve der Engländer erwischt hatte. Mitten im stimmungsvollsten Block. Großartig!

Vor Anpfiff torkelte ein England-Fan auf mich zu. „Ich möchte mich schon jetzt bei dir entschuldigen“, lallte er. „Ich habe den Platz vor dir und ich werde mich wahrscheinlich ziemlich daneben benehmen.“ Was soll ich sagen? Er hat Wort gehalten, war aber schon zur Halbzeit so betrunken, dass er es zu den zweiten 45 Minuten nicht mehr auf seinen Sitz schaffte. Immerhin sagen die englischen Fans vorher Bescheid, wenn sie sich daneben benehmen. Echte Gentlemen.

Apropos Gentlemen: Nach Abpfiff staunte ich nicht schlecht. Ich mag Menschenmassen nicht besonders und hielt mich deshalb erst einmal zurück als die Fans nach Spielschluss Richtung Bahnstation strömten. Doch irgendwann, circa 30 Minuten nach Abpfiff, forderte das Sicherheitspersonal mich auf, langsam den Ausgang aufzusuchen, weil sie das Stadion schließen wollten. So trottete ich Richtung Bahnstation, die noch immer maßlos überfüllt war. Irgendwann lichteten sich die Massen und ich entschloss mich, die nächste Bahn zu nehmen oder es zumindest zu versuchen.

Die Bahn fuhr ein, die Türen öffneten sich und es passierte nichts. Neben mir stand in Türnähe noch ein anderes Mädel, schätzungsweise ebenfalls Anfang 20. Die umliegenden Herren bildeten eine Art Spalier und einer meinte: „Ladies first!“ Ich dachte erst an eine versteckte Kamera, aber die Männer meinten das völlig ernst. So konnten das andere Mädel und ich uns in Ruhe einen Sitzplatz suchen, bevor die restlichen Fußballfans in die Bahn einfielen. So etwas habe ich nach einem Fußballspiel in Deutschland noch nie erlebt.

Eine Reise ohne Kompromisse

Aber das tollste an der Reise war gar nicht das Fußballspiel. Es war London. Ich konnte nicht glauben, diese grandiose Stadt noch nie besucht zu haben. Der Zauber von Notting Hill, der Hyde Park im herbstlichen Lichterglanz, die Hektik im West End, die Gastfreundschaft. London zog mich von der ersten Minute an in seinen Bann.

Und da ist noch etwas, was die Reise so besonders machte. Damals bin ich zum allerersten Mal ohne jegliche Begleitung verreist. Die kompletten fünf Tage ging es nur um mich. Ich schaute mir an, was ich mir anschauen wollte. Ich lief in meinem Tempo und aß wann und was ich essen wollte. Spontane Planänderungen? Kein Problem! Eine Reise ohne jegliche Kompromisse.

Die roten Sitzreihen erinnern mich immer wieder an den Grund meiner ersten London-Reise. Ohne meine Fußballverrücktheit hätte ich diese tolle Stadt nicht zu diesem Zeitpunkt besucht. Vielleicht hätte es noch viele Jahre gedauert, bis ich nach London gefahren wäre. Und das wäre echt schade gewesen.

Übrigens: Bei keinem meiner folgenden London-Aufenthalte habe ich es bisher wieder ins Stadion geschafft. Dafür stehen einfach noch zu viele andere Dinge auf der Liste, die ich in London unbedingt anschauen möchte. Aber irgendwann klappt es sicher auch nochmal mit dem Besuch eines Premier-League-Spiels.

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4 Kommentare zu “Mein erstes Mal in London: Am Anfang war Wembley

  1. Mario

    Hallo Christine,
    das ist ein tolles Reisemotiv und -motivation: Fußball. Und das als Frau! 😉 Ich denke ein bisschen Mut gehört da schon dazu, gerade bei den ‚ach so wilden‘ Engländern. Interessant, dass es gerade meist die technisch eher weniger guten Fotos sind, die einem besonders viel bedeuten. Das ist bei mir nicht anders, denn schließlich ist es häufig ein Moment, eine gewisse Stimmung oder ein besonderes Ereignis, das einem sofort wieder in den Sinn fährt, wenn man sich das Bild betrachtet. 🙂
    Toller Beitrag zur Blogparade!
    Viele Grüße,
    Mario

  2. Igor (7 Kontinente)

    Hej Christine
    Ah Wembley… mein erster Besuch dort war im 2014. Ich wollte schon immer mal Eminem live erleben und war bereit, überall in Europa für dieses eine Konzert zu reisen.
    Dass es dann in einem meiner Lieblingsländer war und mit einer unvergesslichen Atmosphäre im Wembley, machte die Sache noch besser. 80’000 Menschen, alle am durchdrehen oder ein Licherloh mit ihren Handies entfachen. Unvergesslicher Moment!
    Lustigerweise war das mein bisher letzter Besuch in London. 🙂
    Vielen Dank, dass du bei der Blogparade mitgemacht hast! Freut mich riesig!
    Grüsse, Igor

  3. Christine Autor des Beitrags

    @Mario: Früher war es sogar so, dass ich in einer Stadt am liebsten immer sofort das Stadion angesteuert habe, bevor ich mir alles andere ansah. Mittlerweile schaue ich aber auch mal erst links und rechts. 😉
    Dein Bild von den Nordlichtern gefällt mir auch sehr, vor allem, weil es so viel Einsatz gekostet hat, es zu fotografieren. In Norwegen war ich leider noch nie, aber das Bild macht definitiv Lust.

    @Igor: Wow, Wembley als Spielort für ein Konzert muss großartig sein. Das Spiel, das ich damals besuchte, war nicht ausverkauft, dennoch war die Stimmung
    schon da super.
    Ich habe gerne an deiner Blogparade teilgenommen und bin gespannt, was es noch für spannende Text und Bilder zu entdecken gibt.

    Ich wünsch euch beiden einen schönen Abend!

  4. Mario

    Hi,
    Christine. Kurz noch zu Norwegen: ja, du musst unbedingt mal hin. Unbedingt! Mehr verrate ich nicht. 😉
    Und jetzt auch dir noch einen tollen Abend!

    Gruß
    Mario

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