Rezension: Lago Mortale von Giulia Conti

Ist dir der Ortasee oder Lago d’Orta, wie er Italienisch heißt, ein Begriff? Ganz ehrlich: Ich kannte den See lange Zeit nicht. Ich kenne ihn erst, seitdem ich regelmäßig zum Lago Maggiore fahre. Denn Omegna am Nordufer des Ortasees liegt zum Beispiel nur eine kurze Autofahrt von Stresa oder Baveno am Westufer des Lago Maggiore entfernt. Der See ist nicht nur ein wunderbarer Ort zum Einkaufen, sondern bietet mit seinen vielen kleinen Dörfern und der malerischen Landschaft auch die perfekte Szenerie für einen Krimi. Das dachte sich auch Autorin Giulia Conti, die im wahren Leben Dagmar Beckmann heißt und Reisejournalistin ist, und lässt ihren Krimi Lago Mortale am Lago d’Orta spielen.

Ich liebe ja Bücher, die in einer Umgebung spielen, die ich gut kenne. Lago-Maggiore-Krimis, wie die von Bruno Varese, verschlinge ich geradezu und freue mich immer sehr, wenn die Szenen an Orten spielen, die ich oft besuche. Da ich vom Lago Maggiore aus auch regelmäßig zum Lago d’Orta rüberfahre, fühlt sich auch dort mittlerweile schon sehr viel vertraut für mich an. Die perfekten Voraussetzungen, um mich mit Lago Mortale an meinen ersten Ortasee-Krimi zu trauen.

Lago Mortale: Der Inhalt

Der deutsche Journalist Simon Strasser wohnt seit fünf Jahren im kleinen Dorf Ronco am beschaulichen Lago d’Orta. Der ehemalige Polizei- und Gerichtsreporter aus Frankfurt hat ein umgebautes Bootshaus mit direktem Seezugang und arbeitet von dort aus für einige deutsche Zeitungen. Er liebt sein entschleunigtes neues Leben, auch wenn er noch nicht ganz heimisch geworden ist. Besonders genießt er das piemontesische Essen und seine regelmäßigen Schwimmausflüge im Ortasee.

Doch eines Tages ist es mit dem beschaulichen Leben vorbei. Kurz vor Ferragosto entdeckt er auf dem See eine Yacht, die anscheinend führerlos über den Lago treibt. Auf dem Schiff findet er schließlich die Leiche des Fabrikantensohns Marco Zanetti. War es ein Unfall oder gar Mord?

Zusammen mit der Polizistin Carla Moretti nimmt Strasser die Ermittlungen auf und ist ganz schnell mittendrin in einem engmaschigen Netz aus allerhand Geheimnissen und Lügen.

Lago Mortale: Mein Fazit

Um ganz ehrlich zu sein, hat mich das Buch unheimlich enttäuscht. Wenn ich keine Rezension über es hätte schreiben wollen, hätte ich es bereits nach der Hälfte zur Seite gelegt.

Zum Glück las ich weiter. Das Buch wurde zwar nicht besser, aber mir fiel etwas auf, was ich bisher in keinem Buch vergleichbar festgestellt habe. Lago Mortale besteht aus zwei völlig unterschiedlichen Teilen. Im ersten Teil handelt der Hauptcharakter oft viel zu passiv und treibt die Handlung nicht voran. Er ist oft einfach nur dabei, denkt die ganze Zeit über alles nach, lässt die Arbeit aber alle anderen erledigen. Im zweiten Teil passiert das komplette Gegenteil. Simon Strasser handelt oft überstürzt, manchmal unüberlegt und immer auf eigene Faust. Es wirkt, als ob man im zweiten Teil des Buchs noch schnell ganz viel Handlung unterbringen musste, weil im ersten Teil sehr viel von der Landschaft beschrieben wird, was ich grundsätzlich begrüße, sofern die eigentliche Handlung im Buch nicht vernachlässigt wird. Diese beiden komplett unterschiedlichen Teile weckten bei mir zwischenzeitlich sogar die Vermutung, dass das Buch vielleicht von zwei Menschen verfasst worden sein könnte.

Doch so unterschiedlich die beiden Buchteile auch sind, sie haben auch einiges gemeinsam. Leider zählt dazu die Tatsache, dass die Hauptfigur eher blass bleibt und keine Sympathie bei mir wecken konnte. Im Gegenteil: Simon Strasser handelt oft mit einer Doppelmoral, die mich streckenweise wirklich wütend machte. So pampt er zum Beispiel einmal einen Journalistenkollegen an, weil dieser nicht ganz sauber recherchierte, indem er zu einer Notlüge griff, um an Infos zu kommen. Andererseits macht sich die Hauptfigur im weiteren Verlauf des Buchs selbst mehrfach wirklich strafbar. Ein weiteres Beispiel für die nicht nachvollziehbaren Verhaltensweisen: Strasser glaubt, dass seine Ziehtochter Nico in Gefahr sein könnte, stellt ihr aber nicht die wichtigen Fragen, die er ihr stellen müsste, um Klarheit zu bekommen. Warum? Weil er ihre Privatspähre nicht verletzen will. Stattdessen setzt er sie lieber der Gefahr aus, dass ihr etwas angetan wird. Welcher Vater würde ernsthaft so handeln?

Auch die weiteren Figuren im Buch bleiben blass. Ich vermisse Tiefgang oder einfach mehr Hintergrundinfos. Die Figuren wirken oft nicht lebendig, wie das in einem guten Krimi der Fall ist. Die oft schlechten Dialoge über Belanglosigkeiten oder abgedroschenen Phrasen („Außen hui, innen pfui!“) verstärken diesen Eindruck leider. Regel Nummer 1 beim Schreiben lautet „Show, don’t tell“. Die Autorin zählt die Charaktereigenschaften der Figuren oft aber einfach nur auf, statt durch die Beschreibung von Verhaltensweisen dem Leser die Chance zu geben, sich sein eigenes Bild zu machen.

Bei vielen Szenen steht sich die Autorin selber im Weg. Denn neben „Show, don’t tell!“ sollte man Kapitel und Dialoge, wenn möglich, immer mit einem starken Satz enden lassen. Einem Satz, der im Gedächtnis bleibt. In der Mitte des Buchs gibt es einen Dialog zwischen Strasser und seiner Freundin Luisa, wo beide rätseln, was bei einer Siegerehrung als Nächstes passieren wird. Hier fällt der starke Satz: „Auch Detektive wissen nur fast alles.“ Damit könnte man den Absatz perfekt enden lassen. Aber nein! Die Autorin fügt noch ein überflüssiges „Schade.“ ein und nimmt damit dem starken Satz jegliche Wirkung. Apropos: Überflüssig ist leider auch der Epilog, der wie ein bemühter Versuch wirkt, ein Happy End à la Rosamunde Pilcher herbeizuführen.

Dass ich während der Lesezeit gedanklich am Lago d’Orta sein durfte, tröstet leider nur wenig darüber hinweg, dass der Krimi keine Spannungselemente aufweist. Sie gehen durch die endlosen Referate über die Gegend gepaart mit unzähligen Szenen und Nebengeschichten, die die Handlung nicht wirklich vorantreiben, leider komplett verloren. Oft hatte ich das Gefühl, dass ich einen Reiseführer in der Hand halte und mit aller Macht versucht wurde, Wissen über die Gegend in das Buch einzubauen.

So habe ich mich natürlich einerseits gefreut, dass eine kurze Szene in Pallanza am Lago Maggiore spielt, aber in dieser Szene sitzen die Hauptfigur und ein Journalistenkollege lediglich in einer Bar und trinken ein Bier, nur um dann wieder zum Ortasee zu fahren. Bei der Gelegenheit teilt die Autorin aber mit, dass Pallanza viel schöner sei als der Nachbarort Intra und so weiter. Ein weiteres Beispiel: Als Strasser seine Freundin zum Flughafen in Mailand-Malpensa bringt und dann zurück zum Ortasee fährt, nimmt er einen Weg über die Reisfelder im Vercelli-Tal, über die dann wieder fleißig referiert wird. Dieser Quatsch mag dem nicht ortskundigen Leser vielleicht nicht auffallen, aber das ist im Grunde so, als wenn ich vom Flughafen Düsseldorf nach Bochum will, aber vorher noch am Flughafen Köln/Bonn vorbeifahre, um von dort aus, den viel weiteren Weg nach Bochum anzutreten.

Für jemanden, der eine spannende Krimi-Story erwartet, kann ich Lago Mortale deshalb leider überhaupt nicht empfehlen. Auch bei Menschen wie mir, die von Berufswegen schreiben und schnell merken, wenn Sachen unsauber formuliert oder nicht durchdacht sind, sorgt das Buch eher für Ernüchterung als Entspannung und Lesevergnügen. Wer dagegen regelmäßig zum Lago d’Orta fährt und auf der Suche nach Orten ist, die er noch nicht kennt oder sich einfach mal zum Ortasee träumen möchte, für den ist Lago Mortale dagegen vielleicht einen Versuch wert.

Lago Mortale: Umfang und Preis

Lago Mortale von Giulia Conti ist ein Atlantik-Buch, das im Hoffmann und Campe Verlag erschienen ist. Das Taschenbuch, das seit April 2020 auf dem Markt ist, umfasst 288 Seiten und kostet 11,00 Euro. Wenn du es haben möchtest, kannst du es hier* bestellen. Lago Mortale ist auch als Softcover* und Hörbuch* erhältlich.

Ich danke dem Hoffmann und Campe Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars. Meine Meinung bleibt – wie immer – dadurch unbeeinflusst.

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